Wie Jiu Jitsu das eigene Leben verbessert

Wie Jiu Jitsu das eigene Leben verbessert – Oder vom Sinn und Unsinn des Raufens

Wie Jiu Jitsu das Leben verbessert

Die meisten Menschen die das erste Mal zu einem Brazilian Jiu Jitsu Probetraining gehen und sich ohne Vorkenntnisse einen Eindruck dieser Kampfkunst machen wollen, werden wohl oft sehr verwundert oder vielleicht sogar ein bisschen erschreckt sein.

Verschwitzte Männer (zumindest meistens sind es Männer;-) stehen voreinander, einer schlägt zu, der andere springt ihn an und reißt ihn zu Boden. Am Boden angekommen, geht die wilde Rauferei weiter. Plötzlich versucht der eine dem Anderen von hinten das Genick zu brechen (so jedenfalls die subjektive Wahrnehmung;-)) , das vermeintliche Opfer bekommt einen roten Kopf und klopft verzweifelt auf die Matte, damit sein Trainingspartner los lässt.

Was soll das bitte mit Kampfkunst und Selbstverteidigung zu tun haben? Wo bleiben die filmreifen Kicks und was kann man sonst noch vom BJJ erwarten? Ist es einfach nur Ringen ohne Regeln, oder steckt mehr dahinter?

Was also ist der Sinn und Unsinn des BJJ und welche Vorteile hat diese Kampfkunst?

BJJ ist eine Selbstverteidigung für körperlich schwächere Menschen
Klingt abgedroschen und behauptet jedes Selbstverteidigungssystem von sich, ist aber so. Während viele Systeme den offenen Schlagabtausch suchen und sich einem Gegner direkt in den Weg stellen, benutzt das BJJ eine Guerillataktik. Es vermeidet jegliches Kräftemessen und geht gezielt dort hin, wo ein körperlich stärkerer Gegner seine Kraft nur suboptimal einsetzen kann, nämlich in den Clinch und in den Bodenkampf.

Glauben Sie nicht? Dann schauen Sie sich einfach mal einen Boxkampf an, denn dort ist es sehr oft so, dass der körperlich unterlegenere Boxer gezielt in den Clinch geht, um die Schläge des Angreifers zu neutralisieren und einem K.O. zu entgehen. Während beim Boxen dieses Verhalten vom Ringrichter unterbunden wird, ist es im BJJ gewünscht und wird gezielt trainiert. Wir gehen immer davon aus, dass unser Gegner größer, schwerer und aggressiver ist und wir, zumindest in den ersten Jahren des Trainings, noch nicht die körperlichen und technischen Mittel besitzen, ihn im Stand zu besiegen.

Natürlich gibt es im Jiu Jitsu auch den Kampf im Stehen mit all seinen Facetten, aber die Erfahrung hat einfach gezeigt, dass ein Durchschnittsanwender wesentlich schneller verteidigungsfähig wird, wenn er die Guerillataktik anwendet und den Kampf auf den Boden verlagert. Den Kampf im Stehen durch Schläge oder Aufgabegriffe zu beenden, erfordert wesentlich mehr Erfahrung und bleibt den fortgeschrittenen Anwendern vorbehalten.

Die Effektivität des Systems basiert nicht nur auf den Techniken sondern vor allem auf der Strategie des Systems. Der Gegner wird gezielt in Positionen gebracht, in der jedes Fehlverhalten ganz leicht ausgenutzt und gegen ihn verwendet werden kann. Während viele Angreifer oft ein grundlegendes Verständnis und Gefühl für den Standkampf haben, gibt es nur sehr wenige Aggressoren, die Erfahrung im Bodenkampf haben. Diese Unwissenheit nutzt das BJJ, um mit wirklich minimalem Trainingsaufwand, maximale Ergebnisse zu erzielen.

Auf dieser grundlegenden Guerillataktik bauen dann später die inneren Prinzipien und weiterführenden Techniken des Jiu Jitsu im Stand und am Boden auf.

BJJ ist ein Fitnesstraining für Körper und Geist
Natürlich macht BJJ keine dicken Muskeln, dafür gibt es andere Systeme (wie z.B. Fighter-Fitness;-), aber es trainiert den Körper in einer einzigartigen und ganzheitlichen Art und Weise. Zu allererst lernt der Anwender seine Angst vor dem Fallen zu überwinden. Er wird geworfen, kontrolliert „verknotet“ und lernt seinen Körper auch in Stresssituationen bewusst im Raum wahrzunehmen. Der Gleichgewichtssinn wird geschult und die Achtsamkeit und das Körpergefühl nehmen zu.

Darüber hinaus wird die Atmung gestärkt und der Schüler lernt kontrollierten Stress durch bewusstes Atmen zu regulieren, eine Fähigkeit, die für das ganze Leben von Bedeutung sein kann.
Obwohl Jiu Jitsu eine sanfte Kunst ist und ohne unnötige Körperkraft auskommt, verbessert sich die eigene Kraft und Ausdauer durch das Training enorm ohne dabei in Extreme zu verfallen, denn im BJJ geht es darum Balance im Menschen herzustellen sowohl körperlich wie auch mental.

Gerade im mentalen Bereich bringt das Jiu Jitsu Training einen enormen Zuwachs an Selbstvertrauen und Souveränität in Stresssituationen. Zugleich jedoch kennt der Schüler auch seine Grenzen, was zu einer realistischen Selbsteinschätzung führt und dabei hilft klare Entscheidungen zu treffen. Auch wenn BJJ gerade am Anfang mit einigen, wenigen effektiven Techniken auskommt, ist seine technische Vielfalt unbegrenzt. Selbst nach 20 oder mehr Jahren lernt man immer wieder neue Bewegungen, steht vor neuen technischen Problemen und muss Lösungswege finden. Diese Komplexität fordert nicht nur den Körper sondern vor allem auch den Geist.

Der Anwender beschäftigt sich also nicht nur körperlich mit dem Jiu Jitsu, sondern arbeitet auch intellektuell mit dieser Kunst. Dies sorgt für ein lebenslanges Lernen und eine hohe geistige Aktivität auch im Alter. Helio Gracie, der Gründer des Brazilian Jiu Jitsu, wurde 95 Jahre alt und hat bis zum Schluss mit geistiger Klarheit und körperlicher Aktivität unterrichtet und gelebt. Sein Wille zu lernen und das BJJ immer weiter zu verbessern hat dies ermöglicht.

BJJ Kampfkunst und Ausdrucksform
Wenn der Geist verstummt und der Körper auf „Autopilot“ schaltet, dann beginnt die Magie des Jiu Jitsu, denn dann wird aus einfachem Kämpfen, Kunst. Jiu Jitsu mit seiner Vielfalt an Techniken, erlaubt den Ausdruck des eigenen Seins, so frei wie kaum eine andere Kampfkunst. So wie ein Tänzer durch die Musik inspiriert wird zu tanzen, so fühlt der BJJ Anwender die Bewegungen und Intentionen seines Partners und erschafft daraus neue Bewegungsmuster und Aktionen.

Jeder Schüler erschafft somit sein eigenes Kunstwerk, seine eigene Kunst, drückt sich durch Bewegung aus und manifestiert somit etwas, was weit über das intellektuelle Verständnis des Jiu Jitsu hinausgeht und dem BJJ eine vollkommen neue Dimension gibt.

Der Anwender erlebt den Flow Zustand, den z.B. auch viele Musiker und Künstler kennen und lässt sein Körper zum Instrument seines Ausdrucks werden. Eine Erfahrung die das ganze Leben positiv verändern kann.

Jiu Jitsu ist also nicht bloß eine wilde Keilerei muskulöser Männer, sondern eine Kampf- und Lebenskunst, die sich auf die verschiedensten Aspekte des menschlichen Seins auswirkt und dabei hilft Körper und Geist in Balance zu halten. Auch dies ist wieder ein abgedroschener Satz, aber was ihn so authentisch macht ist dass er von einer Kampfkunst kommt, bei der neben dem Gewinnen auch das Verlieren dazugehört. Es gibt also keinen unantastbaren Meister und keine Geheimnisse. Alles ist offen, frei und ehrlich und das macht BJJ so unglaublich menschlich und stark.

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